A Beautiful Day (Originaltitel: You Were Never Really Here) (2017)

Thriller, Krimi, Drama | 89 min
Bewertung:
7.5/10
7.5
A Beautiful Day (Originaltitel: You Were Never Really Here)

Infos zum Film

Filmkritik

Nachdem ich vor fünf oder sechs Jahren mit meinem guten Freund Yves den Film WE NEED TO TALK ABOUT KEVIN “überstanden” hatte, war ich fast verwundert, dass er sich Lynne Ramsays neuestes Werk A BEAUTIFUL DAY ansah und mich fragte, was ich davon hielte. Denn gerade WE NEED TO TALK ABOUT KEVIN hatte mich davon abgeschreckt, den im Original YOU WERE NEVER REALLY HERE genannten Film zu sehen. Auch Standing Ovations in Cannes würden mich eigentlich nicht dazu veranlassen. Aber jeder hat eine zweite Chance verdient, nicht wahr?

Bevor ich mit der Kritik anfange noch eins, denn das hatte ich absolut noch nie: Ich finde den deutschen Titel des Filmes tatsächlich passender und besser als den Originaltitel. Ich hasse es, wenn Filme deutsche Titel bekommen und schlecht übersetzt werden. Aber dass ein englischer Titel für das deutsche Publikum einen besseren englischen Titel bekommen hat, verwundert mich dann doch sehr stark.

Zum Film. In A BEAUTIFUL DAY verfolgen wir den gesamten Film über den Killer bzw. Fixer Joe, der in Auftragsarbeiten gekidnappte Mädchen aus Kinderprostitutionsringen befreit. Der Film fängt direkt in einem Auftrag an, so lernen wir Joes langsame Art und Weise kennen. Immer wieder hat er Flashbacks auf verschiedene Traumata der Vergangenheit: Zum einen blitzt seine Kindheit immer wieder auf, es wird angedeutet, dass sein Vater regelmäßig seine Mutter verprügelte. Das erklärt auch seine innige Beziehung zu dieser. In anderen Rückblenden erfahren wir weniger, und mehr wird der Phantasie des Zuschauers übertragen. Nahaufnahmen von Augen und Gesichtern von wahrscheinlich befreiten Kindern sowie die Todeszuckungen eines gefallenen Kindes im Krieg. Hier erfährt man ein wenig mehr über Joes Vergangenheit, aber außer diesen dünnen Flashbacks bekommt man keine weiter Charakterentwicklung zu sehen.

Joe bekommt nach besagtem Anfang einen neuen Auftrag, ein Politiker steckt mit drin, und dann geht natürlich alles schief, was schief gehen kann, denn nicht nur Joe unterschätzt die Ausmaße des Kriminellen mit dem er zu tun hat, sondern dieser unterschätzt auch Joes Willen und Stetigkeit, seine Arbeit zu Ende zu bringen. Unaufhaltbar wie eine Lawine hämmert Joe sich durch den Film und reißt alles runter, was sich ihm in den Weg stellt – bis er zum Showdown wieder bei der Kinderprostitution landet.

Kein leichtes Thema, und Ramsay geht damit sehr minimal um, zeigt weder Details noch viel Gewaltverherrlichung. Dass Joe mit einem Hammer “arbeitet” und zumeist nachts bei coolen elektronischen Beats durch die Straßen fährt sind nicht die einzigen Elemente, die sich die Filmemacher – sprich: Regie, Kamera, Schnitt und Musik – bei Nicolas Winding Refns DRIVE teils fast schon dreist geklaut haben. Aber hey, besser gut kopiert als selber scheiße gemacht, oder? Doch Ramsay klaut nicht nur, sie ist cleverer – oder Joe Bini, der fantastische Cutter – und zeigt im Grunde wirklich nie die Gewalt, sondern immer nur das Resultat davon. Das ist jetzt ein unfairer Vergleich, denn es wird viel zu wenig geredet, aber wo ein Tarantino mit Genuss die Gewalt gezeigt hätte, schneidet der Film hier einfach nach der Tat in die Szene dazu.

Joaquin Phoenix muss den Film alleine auf seinen Schultern tragen, denn außer zwei Nebenfiguren ist kaum jemand länger als 30 Sekunden auf der Leinwand neben ihm zu sehen. Er spielt Joe mit viel Hingabe, besonders die Entgleisungen in der Mimik und die kleineren, sporadischen Späße von ihm lassen ihn wesentlich ehrlicher und lebendiger wirken als alle anderen. Dabei ist seine Figur ja eigentlich die seelenlose Tiefe, die die Rückblicke immer wieder erspähen lassen. Doch irgendwas treibt ihn immer dazu, weiterzumachen, und die Suizidgedanken zu verdrängen.

Nach einem etwas anstrengenden Anfang und nachdem ich den Ballast der negativen Erwartungen wegen KEVIN abwerfen konnte, machte der Film ab dem Moment, an dem alles außer Ruder läuft, richtig Spaß, war spannend und teils mitreißend. Ich erwischte mich dabei, mit Joe mitzufiebern und ihn anzuschreien, wenn er mal wieder zu träge in einer Actionszene wirkte. Auch der Mood des Filmes gefiel mir sehr gut, es gibt zwischendurch ein paar wirklich gelungene emotionale Szenen. Ich bewerte Filme stets daran, wie viel Spaß sie mir machen, wie viel ich von ihnen mitnehmen konnte. Und an A BEAUTIFUL DAY habe ich noch Stunden danach gedacht, Joe hat einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen. Für Standing Ovations ala Cannes hat es bei mir jetzt nicht gereicht, aber eine Empfehlung kann man dennoch diesmal durchaus aussprechen.

Jakob Montrasio

Zusammenfassung der Rezension
Datum der Rezension
Name des Filmes
A Beautiful Day
Gerundete Bewertung
41star1star1star1stargray

Trailer & Videos

trailers
x
A Beautiful Day (Originaltitel: You Were Never Really Here)

Deutscher Trailer

Thriller, Krimi, Drama

Reviews ( 0 )

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ich akzeptiere

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

x